Einzigartige Umbruchssituation in der Automobilbranche! Teil 1

September 1, 2021 Aus Von Stefan Kühn, Ökonom

Automobilindustrie im staatlich erzwungenen Wandel durch E-Mobilität!

„Die deutsche Automobilindustrie ist eine Schlüsselbranche in Deutschland (der Jahresumsatz der deutschen Automobilindustrie betrug 2019 rund € 430 Mia. bei einem Bruttoinlandsprodukt von ca. € 850 Milliarden) und wird nun staatlich gezwungen innert kurzer Zeit, ihr gesamte Geschäftsmodell umzustellen! Die wissenschaftlichen Grundlagen hierfür liefern Vereine und Organisationen, die die Politik beraten und gerade in Brüssel einen großen Einfluss haben. Jetzt hat z.B. der International Council on Clean Transportation (ICCT) eine Studie vorgelegt, die nachweisen soll, dass nur mit Elektroautos mit Strom aus regenerativer Energie das sogenannte 1,5 Grad-Ziel der aktuellen Klima-Politik der EU zu erreichen sei! Ein Verbrenner-Verbot 2035 sei deshalb geboten (wir haben berichtet!)!“ erklärt Stefan Kühn.

Signifikante Unterschiede in den Strategien der Autobauer!

„Die globale Automobilwirtschaft hat bereits auf die neuen Strömungen und Regulierungen reagiert, verfolgt dabei aber höchst unterschiedliche Strategien. Die Hersteller teilen sich dabei in drei Typen auf:

1. Die reinrassigen Stromer: Tesla ist der Leader in diesem Bereich, Volkswagen will einer werden! Der Mut von VW-Chef Diess wurde von der Börse denn auch bereits belohnt: der Aktienkurs von VW stieg seit Verkündung der neuen E-Strategie von knapp € 150 auf € 300! Die Börse belohnt also diese Strategie! Die Marktkapitalisierung von VW liegt damit immerhin schon bei € 88 Mia. Allerdings kein Vergleich zu Tesla, auch wenn der US-Autobauer in den letzten Monaten Federn lassen musste. So steil der Anstieg der Aktienkurs von Tesla war, so steil ging es dieses Jahr auch wieder bergab. Hatte der US-Autobauer am 25. Januar 2021 seinen bisherigen Höchststand mit einer Marktkapitalisierung von fast USD 850 Mia. erreicht, so ist diese bis heute um mehr als USD 250 Mia. geschrumpft, liegt aber immer noch bei ca. USD 600 Mia. Und damit beim mehr als 7-fachen von VW! Spürt Tesla aber nun den heißen Atem der Konkurrenz im Nacken? Das kann gut sein, verkauft der VW-Konzern ja bereits mehr E-Autos als Tesla!‘, stellt Stefan Kühn fest.

‚2. Die Hybrid-Konzerne: In Deutschland ist es vor allem die Daimler AG, die beim Antriebsstrang zwischen Pkw und Lkw unterscheidet. Die Pkw-Flotte soll elektrifiziert werden. Die eigene Lkw-Einheit namens Daimler Truck setzt auf die Brennstoffzelle, die ihrerseits mit Wasserstoff befeuert wird. Vor allem bei Daimler soll sich Widerstand formieren gegen die diskussionslose Übernahme der Elektrostrategie! Zurecht: Hinter vorgehaltener Hand geben viele Auto-Manager zu, dass die Elektroautos zwar immer besser werden, die reine Elektro-Strategie in Europa jedoch im Wesentlichen auf die Vorgaben der Politik zurückzuführen ist. Die basiert vor allem auf einem umstrittenen Punkt: Der Behauptung, dass E-Mobilität die einzige Möglichkeit sei, den Verkehr frei von fossilen Brennstoffen zu machen. Diese Denkweise spiegelt sich in der unter Experten umstrittenen EU-Praxis wider, die Emissionen von Elektroautos einfach und ohne Diskussion mit null anzusetzen – egal wie die Batterien oder der täglich zum Aufladen benötigte Strom gewonnen wird! Und genau diese Annahme ist nicht haltbar und zeigt bei Berücksichtigung der ökologischen Gesamtbilanz (also Bau und Entsorgung der schweren Batterien, dem vielfach nicht umweltverträglichen Abbau der Rohstoffe, sowie der Betankung der E-Autos mit Energie aus fossilen Brennstoffen, etc.) die ganze Problematik: Stromer sind erst ab ca. 150 – 200‘000 km Laufleistung so effizient wie ein Diesel (wir haben berichtet!)!“ sinniert Stefan Kühn.

„3. Die Technologie-Offenen: Hier ist Toyota, der größte Volumenhersteller der Welt, zu nennen. Toyota baut Elektrofahrzeuge, Hybrid-Autos, Verbrenner und setzt stärker als andere auf einen Wasserstoff-Antrieb. Vize-Präsident Shigeki Terashi erklärt pragmatisch: ‚Es ist noch zu früh, sich auf eine Strategie festzulegen!“ so Stefan Kühn.

5 Trends in der Digitalisierung in der Autobranche

„Aber die Automobilindustrie wird auch die zunehmende Digitalisierung herausgefordert! Diese Herausforderung ist zwar nicht ‚revolutionär‘, sondern vielmehr ‚evolutionär’! Nichtsdestotrotz aber dennoch von fundamentaler Bedeutung! Kommunikative Fahrzeuge sowie intelligente Software und Assistenzsysteme gewinnen zunehmend an Bedeutung. Auch Handel und Vertrieb befinden sich mitten im technischen Wandel.

Trend 1: Automatisierte Assistenzsysteme

Fahrerassistenzsysteme der Zukunft bieten Insassen durch immer smartere Technik mehr Komfort und vor allem mehr Sicherheit! Möglich macht das der Einsatz neuer Sensortypen wie Video, Laser und Radar in Kombination mit algorithmischen Datenauswertungen. So werden bei der Müdigkeitserkennung Tageszeit, Fahrtdauer, Geschwindigkeit, Blinkverhalten, Pedalbetätigung und Lenkwinkel erfasst. Intelligente Front- oder Fahrerkameras mit Augenüberwachung komplettieren die Analyse. Die smarte Technik bringt der neuen Generation an Assistenzsystemen mehr Autonomie − wie es bereits bei der automatischen Einparkhilfe per Knopfdruck der Fall ist. Ab Mai 2022 sollen Sicherheitsfunktionen wie intelligente Geschwindigkeitsregler und fortschrittliche Notbremssysteme sogar EU-weit verpflichtend sein.

Trend 2: Connected-Car-Technologien

Bei der Etablierung neuer Fahrzeugfunktionen spielen die Integration von Echtzeitinformationen sowie die Übermittlung von Fahrzeugdaten eine immer größere Rolle. Um den Informationsfluss zu intelligenten Infrastruktureinrichtungen sowie zu Service- und Diensteanbietern zu gewährleisten und eine Car-to-Car-Kommunikation zu ermöglichen, setzen viele Autohersteller mittlerweile eine entsprechende Bord-Technik mit mobilem Internetzugang ein. So werden Informationen wie beispielsweise zu Verkehrs- und Parkplatzsituationen ohne Verzögerungen von zentralen Computersystemen abgerufen und Pannendienste erhalten automatisch eine Benachrichtigung über Zustand und Aufenthaltsort.

Trend 3: Vernetzte Produktion

Auch in der Fahrzeugfertigung wird die digitale Technik weiter ausgebaut“, erzählt der Experte. Eine umfassende Vernetzung von Standorten, Werken und einzelnen Stationen durch Installation von 5G-Netzen sowie Cloud-Computing ermöglicht eine intelligentere, flexiblere und effizientere Produktion. So können Daten in der Fertigung verknüpft und Einzelteile auf der Montagelinie jederzeit geortet werden.

Trend 4: Online-Autokauf

Im Verkauf entwickeln sich durch die Digitalisierung neue Strukturen, die sowohl Händlern als auch Privatpersonen mehr Flexibilität bieten. Anders als in etablierten Autobörsen, die eine Fahrzeugpräsentation fokussieren, können Verbraucher und Gewerbetreibende über volldigitale Transaktionsplattformen Neu- und Gebrauchtwagen online handeln. Von der Auswahl über den Zahlungsvorgang bis hin zur Abwicklung der Lieferung laufen dabei alle Vorgänge per Datentransfer ab. Der Schlüssel zum Erfolg liegt für den stationären Autohandel in Zukunft verstärkt in der Symbiose zwischen dem Erhalt langjährig aufgebauter Kundenbindungen und dem Ausbau neuer digitaler Reichweiten.

Trend 5: Digitales Mobilitätsmanagement

Der digitale Wandel beflügelt auch die Carsharing-Nachfrage. Zukünftig wird der Zugriff auf diese Dienstleistung nicht nur über einzelne Online-Dienste und Apps generiert, sondern in umfassende Mobilitätsplattformen integriert. Eine Vernetzung öffentlicher und privater Verkehrsangebote wie Bus und Bahn, Bike- und Carsharing ermöglicht nahtlose Wegeketten. Grundvoraussetzungen hierfür sind die Einbindung möglichst vieler verschiedener Verkehrssysteme sowie integrierte Buchungs- und Bezahlfunktionen!“ so Stefan Kühn.

Die Automobilbranche in einer historisch einzigartigen Umbruchssituation!

„Die Automobilindustrie befindet sich also in einer historisch einzigartigen Umbruchssituation. Die Geschäfte der deutschen Vorzeigebranche laufen derzeit zwar gut. Dennoch stehen mit der E-Mobilität und Digitalisierung fundamentale Veränderungen an, die den Markt radikal umwälzen werden. Wie stellen sich Autohersteller und Zulieferer in Deutschland dafür jetzt neu auf? Liegt die Zukunft in der Schaffung einer dominanten digitalen Plattform, vergleichbar mit Apple im Bereich Smartphones? Oder doch eher in der Rolle eines Hardware-Providers à la Foxconn? Die Fragen sind umso spannender, als über viele Faktoren derzeit noch große Unsicherheit herrscht. Der Autobranche in Deutschland geht es noch ausgezeichnet. Aber sogenannte disruptive Technologien (wie die E-Mobilität), regulatorische Druck und neue branchenfremde Wettbewerber, etwa aus dem IT-Bereich, schaffen immer mehr Druck. Die Smartphone-Analogie liefert mit dem Schicksal des einstigen Marktführers Nokia ein bekanntes, abschreckendes Beispiel für versäumte Transformation!“ warnt Stefan Kühn.

Die Digitalisierung als Herausforderung und evolutionäre Strategie

„In der Automobil­industrie beschleu­nigen digitale Technologien sowohl die Verbreitung von Elektro­fahrzeugen (Stichwort E-Mobilität) als auch die Entwicklung von selbst­fahrenden Autos. Die Robotik, wie wir sie heute kennen, wäre un­denkbar ohne Innovationen in der Automati­sierung und der Künstlichen Intelligenz (KI). So sind Roboter immer mehr imstande, auch Aufgaben zu übernehmen, die früher nur von Menschen ausgeführt werden konnten.

Dieser Megatrend (wir haben berichtet!) wird sich auf alle Aspekte der Wirtschaft auswirken und die Produktivität und das Wirtschafts­wachstum ankurbeln. Denn moderne Unternehmen werden weiterhin – unter Einhaltung der gegeben rechtlichen und regula­torischen Rahmen­bedingungen – neue Technologien zu ihrem Vorteil nutzen, um mit der Konkurrenz Schritt zu halten oder der Konkurrenz voraus zu sein!“ stellt Stefan Kühn fest.

Die klassischen Pfeiler des Erfolgs werden obsolet durch die disruptiven, revolutionären Technologien der E-Mobilität

„Seit langem gründet sich der Erfolg der Automobilindustrie in Deutschland auf die Kompetenz in Sachen Verbrennungsmotor. Deutsches Engineering wird weltweit bewundert und geschätzt. Diese Technologieführerschaft könnte aber in Zukunft obsolet werden. Denn die Elektromobilität kommt – und sie verändert die Spielregeln der Branche von Grund auf. Regulatorische Vorgaben aus der Politik und ökologische Gründe haben den Verbrenner in die Kritik gebracht. Auch wenn Elektromobilität heute noch nicht profitabel ist – die Batterietechnologie wird immer besser und billiger, der Marktanteil größer – nicht zuletzt durch die staatliche Förderung! Forschung und Investitionen im Bereich Elektroantriebe – und in weitere Alternativen wie die Brennstoffzelle – sind daher für Autohersteller unumgänglich. Die Batterietechnologie etwa erfordert von ihnen strategische Entscheidungen über eigene Entwicklung oder Zukauf. Nicht zuletzt deswegen hat z.B. der VW-Konzern eine große ‚Batterie‘-Offensive gestartet!

Für Zulieferer stellt sich die Lage fast noch zugespitzter dar. Da E-Antriebe mechanisch anders und vor allem einfacher aufgebaut sind, werden etablierte Komponenten des Verbrennungsmotors wie beispielsweise Getriebe weitgehend überflüssig. Die Aufgabe für Hersteller und Zulieferer ist es nun, die Transformation zu neuen Produkten und Geschäftsfeldern geschickt zu gestalten. Es kann nämlich für die Unternehmen und Shareholder durchaus noch eine längere Durststrecke kommen, bis elektrisch angetriebene Fahrzeuge wirklich ein lohnendes Geschäft werden.!“ stellt Stefan Kühn fest.

Digitalisierung und autonomes Fahren ermöglichen und erfordern neue Geschäftsmodelle!

„Aber mit mehr Technik im Auto ist es nicht getan! Durch Digitalisierung, intelligente Assistenzsysteme und ein datenbasiertes „Ökosystem“ für Dienstleistungen werden neue Geschäftsmodelle nötig! Also ein neues Denken im Automobilbereich zu schaffen! Auch wenn es heute noch nicht marktreif ist, steht hier das autonome Fahren ganz vorn. Kaum eine andere Technologie wird Mobilität derart revolutionieren. Und die Forschung schreitet trotz vereinzelter Rückschläge in großem Tempo voran. Zusammen mit Sharing Economy und Trends wie Urbanisierung und Konsumwandel verändert diese „future technology“ damit aber auch das Verhältnis des Verbrauchers zum Autobesitz.

Das eigene Auto wird dabei tendenziell weniger wichtig. In der Elektromobilität gleichen sich zudem Leistungsdaten, Fahrdynamik und -komfort der Automobile zunehmend an. Das verringert die Möglichkeiten der Hersteller zur Differenzierung des eigenen Fahrzeugs auf dem Markt. Die Kunden von Morgen orientieren sich vielleicht bei Kauf oder Buchung gar nicht mehr vorrangig an Leistungsmerkmalen oder dem Image des Engineerings, sondern stärker an der Attraktivität der Mobilitätsplattform einer Marke. In deren Entwicklung und entsprechende Forschung sollten Hersteller also heute schon investieren. Flottenmanagement und Car Sharing werden dabei immer bedeutender. Das zeigt derzeit schon weltweit die Verbreitung von Diensten wie car2go (Daimler) und DriveNow (BMW), die derzeit ihre Fusion planen, oder auch Uber. In Verbindung mit dem autonomen Fahren wird dieses Feld erst sein wahres disruptives Potenzial zeigen.

Das selbstfahrende Connected Car bietet darüber hinaus Schnittstellen für die Kommunikation mit dem Kunden, für After Sales und innovative Geschäftsfelder wie Embedded Software, Infotainment, In-car-payment, auf Daten basierende Dienstleistungen und Datenverwertung!“ führt Stefan Kühn aus.

Das ‚Neudenken’ des Automobils!

„Das Automobil muss also neu gedacht werden – es wird zum ‚Gerät auf Rädern ‘analog zu anderen technischen Geräten wie etwa Smartphones. Strategisch erfolgreiche Unternehmen machen dabei vor, wie eine etablierte Technologie – hier das Mobiltelefon – dank Digitalisierung als Sprungbrett für ein ganzes Spektrum ‘neuer’ digitaler Dienste fungieren kann, von Musikstreaming bis zu Payment Services. Die Frage für die Automobilhersteller in Deutschland ist nur, ob sie hier wirklich in allen Feldern den Konzepten der großen Digitalkonzernen Paroli bieten wollen und können.